Das verdorbene Weihnachtsfest

Das verdorbene Weihnachtsfest

 

Hermann wachte auf, denn ihm stieg der Geruch von Kuchen in die Nase. Kuchen, dachte er genüsslich, wie lange hat es schon keinen mehr gegeben. Er stieg aus dem Bett und sein Blick blieb an seinem Wandkalender hängen, an dem der heutige Tag rot eingekreist war. Stimmt, es ist ja Weihnachten, fiel es ihm wieder ein. Endlich war der Tag gekommen, den er sich so lange herbeigewünscht hatte. Hermann stand auf und lief gutgelaunt in die Küche. Als er bemerkte, dass der Tisch für drei Leute gedeckt war, verschlechterte sich seine Laune prompt. Seine Mutter hatte doch nicht etwa wieder diesen nervigen Polizeihauptmann eingeladen?! Während er noch darüber nachdachte, klingelte es bereits an der Tür. „Das muss Klaus sein, pünktlich auf die Minute genau“, frohlockte seine Mutter und tänzelte in den Gang, um ihren Gast hereinzulassen. In der Tür stand ein breitschultriger, etwas älterer Mann mit mindestens einem Kilo Haargel auf dem Kopf, der, von einer unerträglichen Parfümwolke umgeben, ins Haus rauschte und Hermanns Mutter mit einem Lächeln begrüßte, das Hermann schleimig fand. Er musste sich zusammenreißen, um nicht angewidert das Gesicht zu verziehen. Wegen diesem Mann hatte seine Mutter ihr Versprechen gebrochen, sich mit niemandem einzulassen so lange sein Vater weg war und überhaupt war es ganz anders seit sein Vater in den Krieg gezogen war. Während Hermann noch mit undefinierbarem Gesichtsausdruck an der Haustüre stand, holte seine Mutter bereits den Kuchen aus dem Ofen und bedachte Klaus mit einem verliebten Lächeln. „Der ist für heute Abend. Da wollen wir es uns doch gut gehen lassen, schließlich ist ja Weihnachten.“ In Hermann kochte es. Es konnte doch nicht wahr sein, dass seine Mutter diesen Polizeihauptmann zum abendlichen Weihnachtsessen einlud, ohne ihm etwas zu sagen! Er war immerhin ihr Sohn und hatte auch ein Recht auf ein fröhliches Weihnachtsfest. Er unterbrach seine Gedanken, als er bemerkte, dass Klaus gerade dabei war, sich vor seiner Mutter hin zu knien. Hermann fragte sich was denn das werden sollte, als ihm die kleine Schachtel in der Hand des Polizisten die Augen öffnete. Ihm stockte der Atem. Dieser daher gelaufene Flegel wollte seiner Mutter doch wohl keinen Antrag machen?! Da fing Klaus auch schon zu reden an: „Liebste Silke, schon seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe, wollte ich dich an meiner Seite haben. Ich ertrage es nicht, länger als einen Tag ohne dich zu sein, und deshalb wollte ich dich fragen…“, er stockte und holte tief Luft, bevor er fortfuhr. „Und deshalb wollte ich dich fragen, ob du meine Frau werden möchtest.“ Hermann hielt die Luft an. Das konnte doch nicht wahr sein. Tränen traten ihm in die Augen, doch entschlossen blinzelte er sie beiseite. Er würde sich nicht unterkriegen lassen. Seine Mutter hatte seinem Vater vor dem Kriegsdienst versprochen, keinen anderen Mann zu heiraten und immer für das Wohl ihres Sohnes zu sorgen, doch kaum war er weg gewesen, hatte Hermanns Mutter schon eine Affäre. Offenbar konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, dass sie jemals verheiratet gewesen war, bevor Klaus in ihrem Leben auftauchte. Nun schmolz seine Mutter unter den Worten des Polizeihauptmanns förmlich dahin. Schmachtend blickte sie ihn an. „Aber Mutter, du hast Vater doch etwas versprochen. Weißt du das nicht mehr?“ holte Hermann sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Bevor sie jedoch antworten konnte, schaltete sich Klaus wieder ein: „Das ist doch Vergangenheit.“ meinte er abfällig, „was zählt ist das Hier und Jetzt.“ Verzückt wandte sie sich wieder ihrem Verehrer zu und klimperte mit den Augen. „Das hast du ja sooo süß gesagt!“ himmelte sie ihn an. Das war zu viel für Hermann. Mit einem Wutschrei fuhr er auf dem Absatz herum, rannte in sein Zimmer und knallte die Türe hinter sich zu. Mit zitternden Fingern drehte er den Schlüssel im Schloss. Erschöpft schleppte er sich zum Bett und sackte in sich zusammen. Tränen strömten ihm über das Gesicht. Schluchzend zog er sich das Kissen über den Kopf. Irgendwann musste er eingeschlafen sein, denn als er die Augen wieder öffnete, schien der Mond in sein Zimmer. Ausgelaugt vom vielen Weinen schleppte er sich ans Fenster und öffnete es. Kühle Nachtluft vertrieb seine Verzweiflung. Er würde sich nicht unterkriegen lassen! Und schon gar nicht würde er weiter in diesem Haus wohnen bleiben, wenn Klaus hier einzog! Entschlossen schnappte er sich ein paar Klamotten und warf sie in seinen leeren Schulranzen. Er musste seinen Vater finden und ihn zurückbringen. Dann würde alles wieder gut werden. Allerdings musste er leise sein, wenn er seine Mutter nicht wecken wollte, denn sie und Klaus würden ihn nie gehen lassen. So leise wie möglich schloss er die Tür auf und schlüpfte auf den Gang. Mit angehaltenem Atem lauschte er in die Dunkelheit, doch nichts war zu hören. Auf Zehenspitzen schlich er mit dem Schulranzen die knarzende Treppe hinunter in die Küche. Wenn er alleine unterwegs war, würde er Proviant brauchen. Aufmerksam sah er sich in der vom Mond erleuchteten Küche um und entdeckte Überreste des Weihnachtsessens. Sogar ein halber Kuchen war noch da. Hektisch stopfte er die Lebensmittel zu der Kleidung in den Schulranzen. Auch die geheimen Ersparnisse seiner Mutter nahm er mit. Schließlich, dachte er, kann ich sie jetzt besser brauchen und bevor sie diesem Polizisten-Schleimer in die Hände fallen, kaufe ich mir lieber selbst etwas davon. Mit voll gestopftem Schulranzen und mulmigen Gefühl im Bauch schlich er sich aus dem Haus. Die Straßen waren finster und zwischen den zerstörten Häusern konnte Hermann immer wieder dunkle Gestalten ausmachen. Er fröstelte und ging schnell weiter in Richtung Bahnhof. Am Ticketschalter hing ein Zettel mit der Aufschrift: „Während der Weihnachtstage ist das Reisen im gesamten deutschen Reich kostenlos.“ Auch recht, dachte Hermann und stieg einfach in den nächsten Zug, der durch den Bahnhof fuhr. Er setzte sich in ein fast leeres Abteil und überdachte seine Lage. Alles in allem stand es gar nicht so schlecht. Er hatte Ersatzklamotten, Essen und Geld. Bestimmt würde er auch bald auf seinen Vater stoßen und sie könnten zusammen nach Hause zurückfahren. Das Geruckle des Zugs war gleichmäßig und beruhigend. Irgendwann fielen ihm die Augen zu und er träumte von Klaus, der in seinem Zimmer ein Büro einrichtete und mit seiner Frau Silke eine neue Familie gründete. Fünf Stiefgeschwister quälten ihn von früh bis spät und schließlich kam er zu dem Entschluss, dass er mit dieser Familie nichts zu tun haben wollte. Als er gerade einmal wieder vor dem Traum-Klaus weglief, der ihn mit wütendem Gesichtsausdruck verfolgte, wachte Hermann auf.

Zuerst hörte er nur ein Dröhnen, das immer lauter wurde, dann klärte sich seine Sicht und er sah die beunruhigten Gesichter seiner Mitreisenden. Plötzlich blieb der Zug ruckartig stehen und von weitem hörte man den Fliegeralarm. Ach du meine Güte, nichts wie raus hier!, dachte Hermann panisch. Mit einem großen Satz hechtete er aus dem Fenster und warf sich zu Boden, während bereits die ersten Schreie ertönten. Rings um ihn detonierten Bomben und schleuderten Eisenteile, Dreck und Menschen durch die Luft. Plötzlich packte ihn jemand am Arm und noch bevor er wusste, was geschah, wurde er unter den Zug gezerrt. Eine helle Stimme schrie ihm über den Lärm der Explosionen hinweg zu: „Hier bist du sicher, bis der Angriff vorbei ist!“ Sicher?! Nun ja, vermutlich hat dieser seltsame Typ Recht, sicherer als draußen ist es allemal, dachte Hermann. „Danke“, antwortete er müde. „Nicht einmal an Weihnachten gibt es Frieden.“ Beide schwiegen, bis schließlich die Entwarnung kam und alle zurück in den Zug durften. Der Unbekannte, den er unter dem Zug getroffen hatte, folgte ihm und als er ins Licht kam, erkannte Hermann, dass es sich um ein Mädchen etwa seinem Alter handelte. Sie hatte ihre dunkelbraunen Haare zu einem Zopf geflochten und schaute ihn aus hellblauen Augen neugierig an. Eine kleine Tasche klemmte unter ihrem Arm und ein dunkelblaues Kleid betonte ihre zierliche Gestalt. „Sag mal, wie heißt du eigentlich?“ fragte sie und musterte ihn kritisch. „Ich heiße Hermann und wer bist du?“ „Melanda. Du hast wohl nicht so viele Erfahrungen mit Bombenangriffen?“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Alles einsteigen!“, unterbrach auf einmal die Stimme des Schaffners ihre Unterhaltung. Eilig kletterten sie wieder in den Zug zurück. „Wie kommst du darauf, ich hätte keine Erfahrungen mit dem Krieg?“, fragte Hermann erstaunt. Melanda zuckte die Schultern. „Nur so. Ich bin übrigens zu meiner Oma unterwegs, und du?“, wechselte sie das Thema. „Ich suche meinen Vater“, erklärte er. „Wo wohnt deine Oma denn?“ fragte er neugierig. „Etwas außerhalb von Augsburg“, erklärte Melanda. Daraufhin schwiegen beide. Hermann versuchte, aus dem Fenster zu sehen, doch außerhalb des Zugs war es Stockfinster. Man hörte nur das gleichförmige Schnaufen des Zuges und die Unterhaltungen der anderen Menschen. Gerade als er wieder wegdämmerte, quietschte es laut und der Waggon, in dem sie saßen, neigte sich zur Seite. Erschrocken schrie Hermann laut auf. Auch die anderen Fahrgäste schrien, als der Zug völlig umkippte. „Was ist denn jetzt passiert?“, fragte Melanda, nachdem sich alle wieder ein wenig beruhigt hatten. „Ich glaube, der Zug ist entgleist.“, antwortete Hermann beunruhigt. Einige ihrer Mitreisenden machten sich unterdessen an einem der Waggonfenster zu schaffen. Durch den Sturz befand es sich nun an der Decke des Abteils. Glas splitterte und die Scheibe wurde vollends zerstört, als ein Mann mit einem Regenschirm auf das Glas eindrosch. Die ersten Leute folgten seinem Beispiel und wenig später kletterten die ersten Passagiere ins Freie, unter ihnen auch Hermann und Melanda. Erschöpft entfernten sie sich ein paar Schritte vom Unfallort, um einen besseren Überblick zu bekommen. Der Zug lag auf die Seite gekippt neben den Gleisen, die durch einen kleinen Wald führten. Hier konnten sie nichts mehr tun. „Am besten, wir übernachten im Wald.“ schlug Hermann vor. Melanda nickte. „Ich bin total müde, und einen Riesenhunger hab ich auch.“ meinte sie. Schweigend suchten sie sich einen geeigneten Schlafplatz und Hermann packte den Kuchen aus, den er von zu Hause mitgenommen hatte. Während sie aßen, ging über dem Horizont die Sonne auf. Ein neuer Tag hatte begonnen.

 

Rebecca Aigner M9d

 

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